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Sein Schaffensweg führt von Klavier und Schreibtisch ins elektronische Studio und zum Computer. Neue (musik)soziologische Gegebenheiten bedingen den Wechsel von Einsichten und Ansichten: die Grundlagen und Zielrichtungen der eigenen Arbeit werden anders geortet und bestimmt. Hansjürgen Schmidt sucht der Gefahr intellektuellen Komponierens zu entgehen; Konstruktionen auf dem Notenpapier sind nicht seine Sache. Er braucht den unmittelbaren Kontakt um Material - zu jenen Tönen, Klängen, Farben, aus denen er seine Stücke zusammenfügt (kom-poniert). Anhand des reichen Spektrums, das ihm der Computer liefert, kann er erfinden, prüfen, neu formieren, speichern, ausdrucken, was ihm mit diesem Hilfsmittel einfällt. 

 

Auch Einflüsse von Pop und Rock sind für Schmidts schöpferischen Weg bestimmend. Bereits in dem Orchesterstück "Pro und Contra" aus dem Jahre 1981 hatte sich der Komponist ausgiebig mit der Minimal Music befaßt  und dabei ein beeindruckendes Zeugnis eigenständiger Assimilation (sprich: substantieller Verdichtung) vorgelegt.  Heute folgt er den "grenzüberschreitenden" Amerikanern und Engländern - John Adams, Philip Glass und Brian Eno - in ihren Überlegungen und Ambitionen. Nicht als "Macher" von Rock- und Disco-Musik, wohl aber mit der Verwendung neuer stilistischer Prägungen; mit Dingen, die er früher aus Opposition nicht wahrnehmen oder verdrängen wollte; mit musikalischen Äußerungen, die die "reinen" Vertreter der E-Musikkaum akzeptieren, die aber Chancen zur Vitalisierung der zeitgenössischen Musik eröffnen und einer Selektierung der Hörer vorbeugen. Es muß ja nicht immer die deutsche Neo-Romantik sein! Dennoch: Gefühlsarmut ist in Schmidts Musik keinesfalls auszumachen. Insgesamt scheint in seinen ganzheitlichen Vorstellungen und grenzenlosen Synthesen (Weltmusik) etwas von der Philosophie des "New Age" mitzuschwingen. Aber die Absenz konstruktivistischer Besessenheit verbirgt keineswegs den denkenden Kopf!

 

Hansjürgen Schmidt wurde am 26. August 1935 in Jena-Burgau geboren. Den Krieg hat er noch erlebt, und diese Zeit hat ihn mit geprägt: Er st in der Spannung zwischen den Kriegserlebnissen der Kinderjahre und dem schweren Neubeginn aufgewachsen. Bis in seine Kompositionen „Taggedichte & Nachtgesichte“ für großes Orchester und den Orchesterliedern „Deutschland 1945“ nach Texten von Ricarda Huch hinein sind jene „Kindheitsmuster“ zu verfolgen, ihn „als empfindsam suchenden Zeitgenossen charakterisierend“ (Hans Lehmann). Und diese Empfindsamkeit, dieses wache Engagement lässt sich bis in die heutigen Werke deutlich verfolgen.

 

Zunächst hat Schmidt den Beruf eines Glasapparatebläsers und Chemielaboranten erlernt. Unterricht im Geigenspiel und in Musiktheorie erhielt er an der Jenaer Musikschule. Das Jenaer Glaswerk delegierte den jungen Facharbeiter an die Berliner Musikhochschule „Hanns Eisler“. Dort holte er das Abitur nach. Und Günter Kochan wurde einer seiner Lehrer. Zurückgekommen nach Jena, studierte 

Hansjürgen Schmidt an der „Friedrich-Schiller-Universtität“ einige Semester Philosophie; den Hochschulabschluss aber erwarb er 1968 an der „Franz-Liszt-Hochschule“ in Weimar bei Alfred Böckmann und Herbert Kirmße; von 1973 bis 1975 war er hier, sowie von 1977 bis 1979 an der Akademie der Künste Berlin als Meisterschüler in der Kompositionsklasse Johann Cilenseks. 1986/87 hatte Schmidt einen Lehrauftrag für Musiktheorie und Gehörbildung an der Weimarer Hochschule. Seit 1970 ist er freiberuflich als Komponist in Jena tätig. 1991 begann er mit dem Aufbau eines elektronischen Studios. Im gleichen Jahr wurde er Dozent an der Volkshochschule Erlangen.

 

Aufgeführt werden seine Werke in ganz Deutschland sowie in fast allen europäischen Ländern, sowie an fast allen deutschen Rundfunksendern. Verlegt sind sie beim DVfM Leipzig, bei Peters und Bärenreiter. CDs mit seiner Musik erschienen bei RCA (Reihe „Musik in Deutschland 1950-2000), sowie beim MDR.

 

Zunächst schrieb Schmidt für Laienmusiker und kleine Ensembles. Anknüpfungspunkte fand er im linearen Stil. Von Beginn an fällt aber auch eine fantasievolle, Strukturen gründlichst auf ihre

Verwandlungsmöglichkeiten hindurchleuchtende thematische Arbeit auf - und zwar unabhängig von Art und Form des jeweiligen Werkes. An die großen Gattungen hat er sich allmählich herangearbeitet und dabei zahlreiche Anregungen durch literarische und bildkünstlerische Werke erfahren und genutzt. Sie lieferten Texte zum Vertonen, programmatische Inspiration, sie sensibilisierten für Farben und hochdifferenzierte Ausdrucksmöglichkeiten. Ausserdem boten Poglietti, Schütz, Eisler und die aktuelle Musikszene Anlässe zum Musizieren (Variationenwerke) und für stilistische Synthesen. Der Hang zum Überschreiten von Gattungsgrenzen, zur Bildhaftigkeit (Finale der 3.Sinfonie), zu klarer Formung (trotz aller Komplexität der Binnenstrukturen) und zur unmittelbaren Ansprache de Hörers sind weitere individuelle Züge in Schmidts kompositorischer Physiognomie. Bei all ihre subjektiv und objektiv bedingten Wandlungen bleiben Inhalt, Engagement und Verbindlichkeit die prägenden Konstanten!

 

Dr. Eberhard Kneipel


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